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Gedanken zur Jahreslosung 2021

Gedanken zur Jahreslosung 2021
Veröffentlicht am Do., 24. Dez. 2020 10:46 Uhr
Vorworte des Gemeindebriefes

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas6,36)

Liebe Leserin, lieber Leser,

meine kleine Nichte ist ärgerlich. Ihr Bruder hat ihr das Spielzeug weggenommen. Entschlossen richtet sie sich auf und blickt den Übeltäter streng an: „Du gibst mir jetzt sofort das Spielzeug zurück. Aber dalli!“ Ich muss mich wegdrehen, damit sie mein Grinsen nicht sieht. Sie klingt einfach haargenau wie ihre eigene Mutter. Wir lernen durch Nachmachen. So ist das nun mal. Und die Kinder spiegeln unser eigenes Verhalten – manchmal zu unserer Freude, aber leider auch des Öfteren zu unserem Erschrecken. Wer hat nicht schon mal schlechte Eigenschaften von sich selbst bei seinen Kindern wiederentdeckt.

Leider ist es ja mit den paar harmlosen schlechten Angewohnheiten nicht getan. Ungewollt und oft unbewusst geben wir auch weiter, was wir an großen Päckchen aus unserem Leben mit uns herumtragen. In den Extremfällen von häuslicher Gewalt ist es sogar fast immer so, dass die Täter früher selbst Opfer waren. Eigentlich absurd, denn sie müssten ja am besten wissen, wie schrecklich das ist. Doch das Erleben ist oft stärker als das Wissen.

Zum Glück gilt das auch im positiven Sinn. Auch das Gute ahmen wir nach und geben esweiter. Ich glaube, es fällt uns nur nicht so sehr auf, weil es eben per se nicht so heraussticht. Wo ein Kind sich geborgen weiß, kann es andere bergen. Wer sich geliebt weiß, kann Liebe weitergeben. Wer in sich ruht, kann andere beruhigen. Die Jahreslosung, die uns das kommende Jahr begleitet, beschreibt so eine gute Korrelation zwischen Vater und Kind, zwischen Gott und uns. Sie redet von Gottes Barmherzigkeit – ein altes Wort, in dem der Schoß der Mutter anklingt, der Ort der ultimativen Sicherheit und Geborgenheit, aber auch der völligen Abhängigkeit. Barmherzigkeit erleben heißt also zu erleben, dass ich jemandem am Herzen liege. Wie ein Neugeborenes der Mutter wortwörtlich auf das Herz gelegt wird und sich ihr eine ganz neue Dimension von Liebe und Verantwortung für dieses kleine Wesen offenbart, so sieht Gott uns an. Je mehr wir das erleben und verinnerlichen, desto stärker färbt es auf uns ab. Barmherzigkeit ist nicht einfach etwas, zu dem man auffordern oder das man einfordern könnte. Sie kann nur gelebt werden, wenn sie erlebt wurde.

Bei Theaterproben habe ich oft eine Übung gemacht: Zwei Personen stellen sich zu zweit gegenüber und eine spiegelt die Bewegungen deranderen.Ganz intensiv muss man sich beobachten. Ich hebe langsam den Arm, mein Gegenüber hebt den Arm. Es ist die totale Konzentration auf das Gegenüberin Kombination mit der Vertrautheit, die das möglich macht.

Vielleicht ist es so ähnlich mit dem Nachahmen im Leben. Es kommt darauf an, wen ich anschaue, auf wen ich mich konzentriere. Und darauf, wie gut ich die andere Person kenne und damit auch, wie viel Einfluss ich ihrauf mein Leben zugestehe. Doch mit Gott ist diese Übung nicht so leicht, denn schließlich steht er mir nie so gegenüber wie ein Partner beim Theater. Das bringt mich zum Weihnachtsfest, denn hier tat Gott, wie ich glaube, genau das: er kam auf die Erde und stand den Menschen unmittelbar gegenüber. Er machte seine Barmherzigkeit erlebbar. Und die sie erlebten, wurden von ihr grundsätzlich verändert und gaben sie weiter. Sonst würden wir heute kein Weihnachtsfest feiern.

Vielleicht ist es ein verrückter Gedanke, aber könnte es nicht sein, dass eine Barmherzigkeit, die mir heute jemand schenkt, die immer wieder erlebte und nach-geahmte Barmherzigkeit des Christkindes selbst ist, das vor 2.000 Jahren in einer Krippe lag? Ob verrückt oder nicht, ich bekomme Lust, Teil dieser Segenskette zu sein und dazu beizutragen, dass sie nicht abreißt, sondern immer weiterwächst: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein neues Jahr voller erlebter und gelebter Barmherzigkeit!

Ihre Pfarrerin Ramona Rohnstock