Artikel: Will Gott uns etwas damit sagen? Gedanken zur Deutung von Krisen

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Veröffentlicht am Mi., 17. Jun. 2020 15:57 Uhr
Blickpunkt Gemeinde

Gedanken zur Deutung von Krisen

Wir sind mitten in einer weltweiten Krise, die wir uns vor einem halben Jahr noch gar nicht vorstellen konnten. Wir wissen nicht, wo sie uns noch hinführen wird, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen sie haben wird, doch es ist anzunehmen, dass die massiv sein werden. Da ist es ganz normal, dass wir uns fragen: Warum passiert das? Hat das Ganze einen Sinn? Und mancher gläubige Mensch fragt vielleicht: Will Gott uns etwas damit sagen? Ist diese Krise etwa gar eine Strafe Gottes? Oder eine Warnung? Ich denke, man sollte dieser Frage nicht ausweichen, sie aber mit Vorsicht betrachten und mögliche Antworten ausgiebig bedenken, denn sie kann sonst viel Unheil anrichten. Deshalb habe ich ein paar Gedanken dazu für Sie zusammengetragen zum Weiterdenken und Weiterdiskutieren. Als Christen glauben wir, dass Gott in unser Leben hineinwirkt. Wir interpretieren das, was uns geschieht. In manchen Ereignissen erkennen wir dabei Gottes Hand. Natürlich können wir darüber nie endgültige Sicherheit haben. Aber das ist das Wesen des Glaubens. So geschieht es auch in Krisen. Wir interpretieren das, was uns geschieht. Und manchmal finden wir darin auch Gottes Hand. Schon oft haben mir Menschen erzählt, dass sie im Nachhinein einer Krise einen tieferen Sinn abgewinnen konnten und gestärkt daraus hervorgegangen sind. Das ist aber nicht immer so. Genauso gibt es auch Fälle, wo Menschen an einer Krise zerbrechen und auch ihr Glauben schweren Schaden nimmt. Und manches Mal habe ich die verzweifelte Frage gehört: Will Gott mich damit strafen? Was habe ich nur falsch gemacht? Ich finde es recht erhellend, sich zunächst zu fragen, warum der Gedanke der Strafe Gottes überhaupt immer wieder in unseren Köpfen auftaucht. Wie kommen wir dazu, zu denken, irgendetwas sei eine Strafe Gottes? Dafür gibt es, meine ich, verschiedene Gründe, auf die dann auch unterschiedlich reagiert werden muss.

Und es macht außerdem einen großen Unterschied, ob die Frage sich auf eine Gemeinschaft bezieht, auf ein Individuum oder ob sie sich der Betroffene selbst stellt. Eine große Krise ist häufig mit Kontrollverlust und dem Gefühl der Hilflosigkeit verbunden. Sie überfällt uns, und wir können nur wenig tun. Das ist sehr schwer zu ertragen. Der Gedanke, das Ganze sei eine Strafe Gottes, gibt uns dann ein Stück Kontrolle über das Geschehen zurück. Denn dann kann ich das Leiden beenden, indem ich Gott wieder versöhnlich stimme, z.B. über eine Verhaltensänderung oder eine Versöhnungsgeste. In Gemeinschaften kommt es als Reaktion häufig vor, dass die Schuld bei bestimmten Personen oder Gruppen in der Gemeinschaft gesucht wird und diese stellvertretend bestraft werden. Das ist besonders bequem, denn dann muss man nichts an seinem eigenen Verhalten ändern. In der Geschichte ist das nur allzu häufig vorgekommen. Wenn es um persönliche, aber manchmal auch um eine gesellschaftliche Krise geht, kann das Gefühl von Strafe auch etwas mit dem Umgang mit Schuld zu tun haben. Ich habe ein schlechtes Gewissen oder fühle mich unzulänglich. Ich weiß von etwas, mit dem ich meinem Umfeld Schaden zugefügt habe. Nun gibt mir mein persönliches Schicksal das Gefühl, Gott würde mich für diese vergangene Schuld bestrafen. Auch hier ist es manchmal leichter, die Ursache im eigenen Verhalten zu suchen, denn dann kann ich selbst etwas dagegen tun. Viel schwerer ist es, die mögliche Zufälligkeit des eigenen Leidens und die Anfrage an Gottes Güte und Liebe auszuhalten. Denn letzteres ist für einen Christenmenschen im Erleben einer Krise häufig die schwerste Frage. Das Gefühl gestraft zu werden drückt einen fundamentalen und sehr verständlichen Zweifel an Gottes Wesen aus. Warum lässt Gott das zu? Der gute und liebende Gott und diese kaputte, leidvolle Welt passen oft nicht zusammen. Trifft mich diese Diskrepanz persönlich, muss ich sie auf einer ganzen anderen Ebene durchkämpfen.

Wie begegne ich nun diesem Gefühl, gestraft zu werden? Ist da etwas dran? Was sagt uns die Bibel über Gottes Wesen, über das Strafen und über den Sinn von Leiden? Ja, die Bibel kennt den Strafgedanken. Insbesondere in der Geschichtsschreibung des Alten Testaments wird ein vom Volk Israel erlittenes Unheil häufig als Strafe für das Abweichen vom guten Gesetz Gottes interpretiert. Doch sollten wir uns davor hüten, diese Texte absolut zu nehmen. Schon innerhalb des Alten Testamentszeigt sich eine Entwicklung des Gottesverständnisses. Gott straft nicht, er zieht vielmehr seine schützende Hand zurück. Späte Texte zeugen dann von fundamentalem Zweifel an dem einfachen Konzept von Strafe und Belohnung. Es wird klar: So einfach ist es nicht. Mit Jesus öffnet sich dann für uns ein noch viel tieferer Blick in das Wesen Gottes. Luthers Wort von Christus als der „Mitte der Schrift“, von dem aus alle anderen Bibeltexte gelesen werden müssen, ist in dieser Frage meines Erachtens der entscheidende Schlüssel. In Christus sehen wir auf einzigartige Weise, wie Gott ist. Im 1. Johannesbrief macht sich der Schreiber über das Wesen Gottes Gedanken, das wir durch Jesus erkennen können. Er ist es, der schreibt: „Gott ist die Liebe“. Eine einfache und doch gleichzeitig umfassende Zusammenfassung dessen, was Gott im Tiefsten ausmacht. Wenige Sätze später schreibt er, was daraus für den Strafgedanken folgt: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe“ (1. Johannes 4,18). Der Schluss ist simpel und klar: Gott und Strafe können nicht zusammengehen, wenn Gott die Liebe ist. Strafe arbeitet mit Angst. Liebe und Angst vertragen sich nicht. Gott straft nicht. Er will aller Angst vor Strafe ein Ende setzen. Krisen können aus der Sicht eines Christen niemals Strafe Gottes verstanden werden. Das widerspricht zutiefst Gottes Wesen. So kann es nicht sein, dass Gott uns eine Krise „schickt“, um uns etwas zu sagen.

Gott verursacht keine Krisen. Leid ist vielmehr eine Konsequenz der Welt, in der wir leben. Wir verursachen Leid untereinander, aber auch die gesamte Struktur der Welt ist so, dass Leid zum Leben gehört. Es ist möglich, dass eine Krise mit persönlicher oder kollektiver Schuld zusammenhängt, und dass ich mir durch mein eigenes Verhalten selbst Schaden zufüge, dass also eine Kausalität besteht. Dann ist es natürlich sinnvoll und angebracht, die Ursachen zu bedenken und zu versuchen, sie zu beheben. Aber nicht im Sinn einer Strafe Gottes. Denn das Leid, das wir durch unser Verhalten hervorrufen, trifft auch Menschen, die damit gar nichts zu tun haben. Das Leid, das mich trifft, hat also erst einmal überhaupt keinen bestimmten Sinn. Es trifft mich, weil es jemand anderes an mir verursacht hat als Konsequenz meines Verhaltens oder weil die Welt eben so ist, wie sie ist. Das heißt aber nicht, dass es für mich sinnlos bleiben muss. Und es heißt auch nicht, dass Gott dem keinen Sinn geben kann. Ich glaube unbedingt, dass Gott das vermag und tut. Es ist aber ein großer Unterschied, ob ich glaube, dass Gott ein Unheil schickt als Strafe oder Prüfung für mich oder ob ich gemeinsam mit Gott dem Unheil trotze, indem ich ihm einen Sinn gebe und schließlich daraus gestärkt mit einem positiven Effekt herausgehe und hinterher sage: Diese Krise hatte für mich diesen oder jenen Grund. Ich habe daraus gelernt und bin daran gewachsen. Gott war nicht der Urheber, sondern er ist im Leid bei mir gewesen, ging mit mir hindurch, wie Jesus ja auch dem Leid nicht auswich und es durchlitt. Womit wir höchst zurückhaltend sein sollten, ist, dies für andere zu tun. Einer persönlichen Krisenerfahrung einen Sinn zu geben ist etwas, das ich für mich selbst durchkämpfen und erringen muss. Und selbst das gelingt nicht immer. Ich kann mich nicht hinstellen und über das Leid eines anderen urteilen: Damit wollte dir Gott dieses oder jenes sagen. Das wäre vermessen. Möglich, dass er mich um Rat bittet, das wäre etwas anderes, aber grundsätzlich sollten wir uns hüten, in dieser Sache für andere zu sprechen.

Wenn es um kollektive Krisendeutung geht, stehen wir nun vor einem offensichtlichen Problem. Denn ich muss dabei immer auch für andere sprechen, für die ich eigentlich nicht sprechen kann. Ich kann z.B. eine Krise wie die gegenwärtige als meine Chance zur Entschleunigung und Achtsamkeit sehen. Aber das kann ich nicht derjenigen sagen, die als Alleinerziehende am Rande ihrer Kraft schuftet oder dem Einsamen, der seit Monaten seine Frau im Heim nicht besuchen durfte. Ich kann mein eigenes Erleben teilen, meine Deutung anbieten, solange ganz andere Ansichten und Erfahrungen dabei auch ihren Platz und ihre Gültigkeit behalten. Ich denke, dass es möglich ist auf eine kollektive geistliche Deutung zu verzichten und trotzdem als Gemeinschaft an einer Krise wie dieser zu wachsen und aus ihr zu lernen. Die Geschichte hat gezeigt, dass das das gelingen kann. 75 Jahre nach Kriegsende lässt sich durchaus erkennen, dass wir als Land, aber auch als Weltgemeinschaft daraus gelernt haben. Wir haben Verantwortung übernommen, uns der Schuld gestellt und bemühen uns zu verhindern, dass sich Ähnliches wiederholen kann. Die jüngsten Entwicklungen lassen uns aber gleichzeitig auch aufhorchen, wie fragil dieser Effekt ist und wie schwer es ist, das Gelernte als Gemeinschaft auch über lange Zeit zu bewahren. Ich möchte schließen mit Dietrich Bonhoeffer, der zum Handeln Gottes in der Geschichte für sich folgende Worte fand:

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“ (Widerstand und Ergebung, DBW Bd. 8, S. 30f)

Pfarrerin Ramona Rohnstock

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