Gedanken zum 8. Mai

Veröffentlicht von Ramona Rohnstock am Fr., 8. Mai. 2020 17:24 Uhr
Blickpunkt Gemeinde

Ich stehe heute, am 8. Mai 2020 bei Aldi an der Kasse. Da klingelt mein Handy. Meine Großmutter ist dran. Sie ist fast 95 Jahre alt. Ich rufe sie zurück, als ich draußen bin. „Ich wollte dir erzählen, was ich heute vor 75 Jahren, am Tag des Kriegsendes, erlebt habe“, sagt sie. „Diesen Tag werde ich nie vergessen.“ So setze ich mich auf ein Mäuerchen an der Straße und sie beginnt zu erzählen: „Wir saßen beim Essen zusammen. Meine Eltern, meine Großeltern und ich. Meine Großeltern waren zu uns an den Rand Berlins gezogen, weil sie sich da sicherer fühlten als in Charlottenburg. Meine Mutter hatte einen Eintopf gezaubert. Das war schwierig gewesen bei der Versorgungslage. Da sah ich durch die Terrassentür zwei russische Soldaten auf der Terrasse. Blitzschnell war ich auf den Beinen, rannte nach oben ins Schlafzimmer und versteckte mich in der Abstellkammer im Dach. Unten konnte ich die Fremden reden hören. Meine Eltern erzählten mir später, dass es ein Offizier und sein Bursche waren. Der Bursche hielt meiner Großmutter seine Waffe an die Schläfe, aber der Offizier schlug sie weg. Dann packten sie eine Flasche Wodka aus, aßen Eintopf und tranken. Nach einer Weile verschwanden sie wieder. Draußen schoss der Bursche des Offiziers ein paar Mal in die Luft, wohl um Frust abzulassen, weil er meine Großmutter nicht erschießen durfte. Wir hatten große Angst, dass sie noch mal wiederkommen könnten, also versteckte ich mich mit meiner Mutter im Nachbarhaus unter dem Dach. Wir hatten uns mit Kopftüchern ganz auf alt gemacht. Die ganze Nacht schauten wir angstvoll aus dem Fenster, aber sie kamen nicht wieder. Ich hatte Glück. Anders erging es meiner Freundin ein paar Straßen weiter. Bei der hatte ich mich immer während der Bombenangriffe versteckt, denn ihr Vater war Ingenieur und hatte einen kleinen Luftschutzbunker gebaut. Sie hatte sich nicht schnell genug versteckt.“ Ich bin meiner Großmutter dankbar, dass sie diese Geschichte mit mir geteilt hat. Auf der Terrasse, auf der sie die Soldaten heute vor 75 Jahren sah, schreibe ich diese Worte. In der Kammer, in der sie sich versteckte, bewahre ich meine Koffer auf. Jetzt kenne ich die Geschichte dieser Orte.   Ich kenne noch andere Geschichten von ihr aus dem Krieg. Der Horror von der Nacht als sie in der Alten Nationalgalerie verschüttet war und der Dom zerstört wurde, als alles in Flammen stand, auch die Menschen auf der Straße, und sie stundenlang nach Hause lief, nicht wissend, ob ihr Zuhause noch stehen würde und ob ihre Liebsten noch lebten. Ich erinnere mich auch an die Geschichten meiner anderen Großmutter. Sie ist schon einige Jahre tot. Heute vor 2 Monaten wäre sie 100 geworden. Auch sie hat oft erzählt. Von den Verlusten ihrer Freunde und ihres Vaters. Wie sie am Sterbebett ihres Bruders saß, für den die Medikamente fehlten. Von einer Hochzeit, bei der als Bräutigam nur der Helm des toten Soldaten auf dem zweiten Stuhl lag. Vom Hunger, der schrecklichen Kälte und den endlosen Bombennächten. Aber auch von ihrer besten Freundin. Sie war Jüdin. Sie erzählte, wie sie gemeinsam mit ihr auf die Straße ging, auch als es schon streng verboten war. Wie ihre Freundin flüchten musste, ihre ganze Familie entweder ermordet oder in alle Welt verstreut wurde. Wie sie heimlich den jüdischen Zwangsarbeitern in ihrer Fabrik essen zusteckte. Und wie sie aus der DDR in den Westen zog, als die politische Entwicklung und die Einschränkung der Freiheiten sie an die erste Diktatur erinnerten, in der sie gelebt hatte. Die Geschichten meiner Großmütter sind nichts Außergewöhnliches. Es sind die Geschichten ganz normaler Frauen aus dieser Zeit. Aber ich bin dankbar, dass ich sie kenne. Dass ich aus ihren eigenen Erinnerungen gehört habe, wie sie diese schreckliche Zeit in unserer Geschichte erlebt haben. Und das ist es auch, was ich für so wichtig halte und was ich an einem Tag wie diesem stark machen möchte: dass wir niemals vergessen. Dass wir die Erinnerungen an die unsäglichen Grausamkeiten des NS-Regimes wachhalten, uns die Bilder des Holocaust zumuten. Dass wir die Biographien der mutigen Widerstandskämpfer, der kleinen und der großen, zu Gehör bringen. Dass wir von den ganz normalen Leuten hören, auch von den Mitläufern, von den Ängstlichen und den Unentschlossenen. Wir dürfen nicht vergessen. Denn wenn wir vergessen, dann laufen wir Gefahr, dass es wieder passiert. Dass wir wieder einer menschenverachtenden Ideologie verfallen, die Leid über Leid verursacht, die Gräben zwischen Menschen zieht, statt Brücken zu bauen, wie es schon allzu oft in der Geschichte geschehen ist. Wenn wir uns erinnern, dann können wir rechtzeitig reagieren, dann wird es vielleicht weniger Mitläufer, Ängstliche oder Unentschlossene geben, sondern mehr Leute, die aufstehen und sagen: „Nein, mit mir nicht!“ Geb’s Gott.

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